| Description |
An der Veranstaltung partizipieren auch Studierende aus Rumänien mit sehr guten Deutschkenntnissen. Wir hoffen auf einen sehr guten Austausch.
Die Veranstaltung wird via Zoom durchgeführt: Einladungslink:
https://unibe-ch.zoom.us/j/68218430983?pwd=UEjefj3lotnhLPvRf5wOxNfFUie5nG.1
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In der Übung werden ausgewählte Texte des Hoseabuches im Hinblick auf ihre traditionsgeschichtlichen Voraussetzungen und theologischen Akzentsetzungen hin untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei die Beobachtung, dass die Figur Jakob bei Hosea nicht in erster Linie als genealogischer Stammesahnherr Israels erscheint, sondern als literarisch und theologisch profilierte Erinnerungsfigur. Jakob fungiert im Hoseabuch weder als identitätsstiftender Ursprung noch als legitimierende Größe politischer Ordnung, sondern als Bezugspunkt für eine konflikthafte Geschichte der Erwählung, die ohne dynastische Absicherung auskommt.
Ausgangspunkt der gemeinsamen Arbeit ist eine textnahe Analyse einschlägiger Hosea-Passagen (insbesondere Hos 1–3; 12), in denen Jakobtraditionen aufgenommen, verdichtet und neu kontextualisiert werden. Dabei zeigt sich, dass Hosea auf spezifische Motive der Jakobüberlieferung zurückgreift – Betrug, Flucht, Kampf, Dienst um eine Frau, Gottesbegegnung in Bethel –, während andere, stärker harmonisierende oder legitimierende Aspekte ausgeblendet bleiben. Diese Auswahl legt nahe, Jakob nicht als statische Traditionsfigur, sondern als offenes Erinnerungsreservoir zu verstehen, das für gegenwärtige Deutungskonflikte nutzbar gemacht wird.
Weiter wird gefragt, wie diese Jakobrezeption im größeren erinnerungsgeschichtlichen Horizont Israels einzuordnen ist. Insbesondere ist zu prüfen, ob Hosea mit Jakob einen Traditionsraum aktiviert, der sich weder eindeutig der nordstaatlich-ephraimitischen Selbstdeutung noch der judäisch-davidischen Dynastietheologie zuordnen lässt. In diesem Zusammenhang wird der heuristische Begriff einer „verdrängten Mitte Israels“ eingeführt, der keinen klar umrissenen geographischen Raum bezeichnet, sondern einen erinnerungsgeschichtlichen Zwischenbereich: vorstaatlich, nicht-dynastisch und nur begrenzt institutionell gebunden. Benjaminitische Traditionskonstellationen (etwa Saul- und Jonatanüberlieferungen, Bethel, Hausreligion) werden dabei als mögliche Anschlussräume diskutiert, ohne Jakob selbst stammesgeschichtlich festzulegen.
Methodisch verbindet die Veranstaltung literarische Analyse mit traditions- und redaktionsgeschichtlichen Überlegungen. Die Texte werden auf der Grundlage deutscher Bibelübersetzungen gemeinsam gelesen; hebräische Begriffe und Beobachtungen werden dort eingeführt, wo sie für das Argument unverzichtbar sind. Hebräischkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Die Studierenden sollen in die Lage zu versetzt werden, exegetische Argumentationen nachzuvollziehen, ihre Voraussetzungen zu prüfen und unterschiedliche Deutungsoptionen gegeneinander abzuwägen.
Die Übung versteht sich nicht als Einführung in das Hoseabuch, sondern als exemplarische Arbeit an der Frage, wie prophetische Texte mit älteren Überlieferungen umgehen und diese für neue theologische Konstellationen fruchtbar machen. Sie richtet sich an Studierende mit Interesse an historisch-kritischer Exegese, an der Geschichte Israels im 8. Jh. v. Chr. sowie an Fragen kollektiver Erinnerung und theologischer Deutungskonkurrenz. |